Die Auswirkungen im stationären Bereich sind katastrophal.

Die Kliniken wurden in eine Marktwirtschaft gezwungen. Sie müssen nun über die Fallpauschalen versuchen kostendeckend zu arbeiten und sie können, wenn sie das System zum Mittelpunkt ihres Handelns machen, auch beträchtliche Gewinne erwirtschaften. Und sie stehen in Konkurrenz zueinander. Durch die Kalkulation, die den Preis aus dem Durchschnitt ermittelt und transparent veröffentlicht, was diesem Durchschnitt im jeweiligem Bereich die Personalgruppe gekostet hat, versuchen die Kliniken diesen Durchschnitt laufend zu unterbieten.

Auf der anderen Seite lassen sich die Gewinne optimieren, in dem die Fallzahlen gesteigert werden. Noch vor einigen Jahren galt als unseriös und Nestbeschmutzer, wer behauptete, es gäbe unnötige Leistungen. Heute gilt dies als gesichert. Man streitet noch über den Umfang. Ableitungen aus einem internationalen Vergleich haben die Zahl von 14.000 unnötigen Aufnahmen täglich in den Raum gestellt.

 

Jeder unnötiger Eingriff ist eine Körperverletzung und verstößt unmittelbar gegen Menschenrechte und unser Grundgesetz.

Die Landesregierungen haben den Zugzwang wirtschaftliche vor medizinische Entscheidungen zu stellen weiter verschärft. Während die Fallpauschalen zur Deckung der Betriebskosten dienen sollen, sind die Länder verpflichtet die Investitionskosten der Kliniken zu bestreiten. Dieser Verpflichtung sind sie höchst unzureichend nachgekommen, so dass die Kliniken die Gelder für notwendige Reparaturen und Neuanschaffungen mit den Fallpauschalen verdienen mussten.

Das Resultat aus den mangelhaften Kalkulationsbedingungen und den fehlenden Investitionen ist die hohe Gefährdung für die Bürger, einen Eingriff zu erleiden, der unnötig ist oder nicht bzw. zu spät versorgt zu werden, wenn Alter, Diagnose oder die Dringlichkeit der Behandlung Verluste für die Kliniken verursachen und deshalb Angebote eingestellt oder eingeschränkt wurden. Letzteres betrifft vor allem Gebärende und Kinder.

 

Und ab nach Hause – die blutige Entlassung

Die Fallpauschalen beinhalten noch eine weitere Besonderheit: Es sind Verweildauern festgelegt. Bleibt ein Patient länger als vorgesehen, macht die Klinik Verluste. Im schlimmsten Fall ereignet sich eine schwere Komplikation kurz vor der Entlassung, die eine Wiederholung eines Eingriffs erforderlich macht. Es gibt Fälle, in denen einer Klinik Verluste im sechs-stelligen Bereich entstanden sind. Denn es gilt: eine Aufnahme ist ein Fall. So entsteht der Anreiz, Patienten auch dann zu entlassen, wenn sie aus medizinischer Sicht noch einer stationären Versorgung im Krankenhaus bedürfen.

Auch hier gibt es einen weiteren Aspekt, der ebenso negative Folgen für den Patienten haben kann. Weil das Fallpauschalensystem nur eine Hauptdiagnose kennt und alle Komplikationen mit dieser Diagnose ursächlich im Zusammenhang stehen müssen, wird auch entlassen, um bei einer Neuaufnahme einen neuen Fall abrechnen zu können. Ob der Patient immer in dem Zustand ist, zwischen zwei komplexen Behandlungen noch eine Stippvisite zu Hause zu absolvieren, muss in Frage gestellt werden.

Zunehmend gibt es auch Berichte, dass Patienten mit einer nicht lukrativen Fallpauschale per Krankentransport in eine andere Klinik verlegt werden. Angehörige berichten in diesem Zusammenhang von strapaziösen, manchmal mit langen Wartezeiten verbundenen Prozeduren.

 

Darf es ein bisschen mehr oder weniger sein?

Die Fallpauschalen haben Parameter wie Beatmungszeit oder Gewicht eines Neugeborenen. Während man noch darüber schmunzeln kann, dass vermehrt Neugeborene immer knapp unter einer Stufe liegen und so eine höhere Vergütung erzielt wird, ist es weniger amüsant, was Pflegekräfte von Intensivstationen berichten: Patienten sollen länger beatmet werden als nötig. Das System bietet einen Anreiz noch die Stundenzahl der nächst höheren Vergütungsstufe zu erreichen.

 

Arbeitsbedingungen – unter Strom

Wie fühlt es sich an, unter diesen Bedingungen zu arbeiten? Immer im Stress. Immer Gefahr laufen, dass ein Mensch zu Schaden kommt, wenn die Zeit zu knapp ist, um alle ausreichend zu versorgen. Auf der anderen Seite fordert das Fallpauschalensystem eine hohe Bürokratie, die abgearbeitet werden muss. Also noch weniger Zeit für den Patienten.

Seit Beginn der Einführung gibt es Stimmen, die Auswirkungen des Systems kritisieren; von Ärzten, Pflegekräften, Hebammen und anderen. Zunächst leise und punktuell. Viele sind einfach gegangen. Es sind Menschen, die einen Beruf ergriffen haben, der ein hohes Maß an Idealismus braucht. Menschen, die anderen Menschen in Not helfen möchten. Die, die ausharren, wollen ihre Patienten nicht im Stich lassen. Daher erklärt es sich, dass sie bis zur Erschöpfung Überstunden leisten und auf freie Tage und sogar Urlaub verzichten. Es ist vorprogrammiert, dass diese Arbeitsbedingungen krank machen. Diese Ausfälle müssen dann von anderen Kollegen zusätzlich aufgefangen werden. Ein Teufelskreislauf der Fließbandarbeit an kranken Menschen.