Und warum reden alle von Betten und nicht von Patienten?

Seit Einführung der Fallpauschalen sind die Behandlungsfälle stark angestiegen. Wenn man aber den Politikern und Krankenkassenverbänden lauscht, dann fällt auf, dass das Ziel der Übung der Abbau von Betten in den Krankenhäusern sein soll.

Ein bisschen Statistik: Die Anzahl der Betten wurden um ca. 33.000 seit der Einführung der Fallpauschalen reduziert. Dazu kommt die Umwidmung von Betten aus Geburtshilfe- und Kinderstationen in lukrativere Bereiche. Die Anzahl der Behandlungsfälle stieg im gleichen Zeitraum um 2,7 Millionen. Die Steigerung fand vor allem in lukrativen Bereichen statt. Es wurde auch die Anzahl der Kliniken um 200 verringert und über 600 Geburtshilfeabteilungen schlossen. Die Auslastung der Kliniken ist gestiegen.

Fazit: Das System ist durch die gestiegenen Behandlungsfälle erheblich teurer geworden, die Arbeitsbedingungen wurden schlechter, die Versorgung der Patienten wurde gefährdet, aber hey, Ziel erreicht: weniger Betten, weniger Kliniken! Und weil es so gut läuft halten die Kassen und die Politik an dem Plan des Abbaus weiter fest.

 

Aus zwei mach eins: Mangel beseitigt?

Eine Idee, die auch der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn pflegt, ist den Auswirkungen zu begegnen, in dem wir ganze Kliniken schließen und das Personal dann an einer anderen das Personal verstärkt. Nun müssen wir dazu, ob das klappen könnte, gar nicht spekulieren, dies hat es nämlich bereits gegeben.

Wie schon erwähnt, wurden über 600 Geburtsstationen geschlossen. Das hätte den Mangel an Hebammen dann ja beseitigen müssen. Die sind alle brav zur nächsten Klinik gegangen, haben ihr Lebensumfeld aufgegeben und sind umgezogen oder pendeln jetzt? Nein! Genau das haben die Hebammen nicht getan. Sie haben die Geburtshilfe größtenteils aufgegeben und bieten in ihrer Region nur noch Vor- und Nachsorge an oder haben den Beruf ganz aufgegeben.

Dummerweise haben die Frauen ihre Schwangerschaften nicht aufgegeben. Die Geburtszahlen steigen sogar seit einigen Jahren wieder. Das ist insofern auch ganz dumm, weil die Politik sich zur Schließungsbegründung den Rückgang der Geburtenrate gen Null von Experten hat bescheinigen lassen. Tja, Du bekommst genau das Ergebnis, für das Du bezahlst. Blöd nur, dass sich die Bevölkerung nicht immer daran hält.

Nun ist also folgendes passiert: Die Stationen wurden geschlossen, die Frauen mussten ausweichen und treffen auf unvorbereitete Strukturen. Die Kreißsäle platzen aus allen Nähten, eine Hebamme „betreut“ auch gerne fünf Frauen gleichzeitig unter der Geburt. Die kann auch mal in einem Nebenzimmer stattfinden, wenn alle Betten im Kreißsaal belegt sind. Es werden auch Frauen unter Wehen abgewiesen. Dann beginnt die Odyssee auf der Suche nach einem freien Plätzchen.

 

Reformen und Reförmchen – Reanimationen der letzten Jahre

In keinem anderen Bereich gab es so viele Reformen wie im Gesundheitswesen. Jeder, der ein bisschen Ahnung hatte, wusste schon vor Einführung, dass es ein Rohrkrepierer wird. Bitteschön, die Top 3 der unsinnigsten Erfindungen:

  1. Fixkostendegressionsabschlag:  Bei dem Wort hast Du schon keine Lust Dich damit zu beschäftigen. Ein schönes Beispiel, wie aus einer Mücke ein Elefant wird. Um den unnötigen Fällen zu begegnen, hat man sich gedacht, es wäre eine gute Idee, den Kliniken weniger Geld für gesteigerte Fälle zu zahlen für zwei Jahre. Betrachten wir zunächst die planbaren lukrativen Fälle: Würden Sie mit Ihrem Unternehmen unter die bereits errungene voll bezahlte Produktionsgröße laufen, wenn Ihnen bei einer Steigerung auf das alte Niveau dann Abschläge drohen? Nö, mit Sicherheit nicht. Sie machen am besten folgendes: Sie steigern immer kontinuierlich um den Freibetrag und legen das an zusätzlichen Steigerungen drauf, was trotz Abschläge noch rentabel ist. Und in zwei Jahren, da zahlt es sich dann aus, es wird voll bezahlt.  Ein bisschen nervig, aber betriebswirtschaftlich gut zu beherrschen. Es müssen sich nur die Patienten in gewünschter Anzahl finden. Und das findet sich. So verhindert die Reform keine unnötigen Eingriffe, sondern fördert sie. Aber diese Abschläge gelten auch, wenn auch in etwas abgeschwächter Form, für nicht planbare Behandlungsfälle wie Geburten. So, nun schließen die Stationen im Umfeld, die Geburtenrate steigt – und alle kommen in Deine Klinik. Das können enorme Steigerung um hunderte von Behandlungsfällen pro Jahr sein. Die Patientinnen treffen also nicht nur auf unvorbereitete Strukturen, sie sind auch grundsätzlich finanziell unattraktiv und mit dieser Reform noch verlustreicher. Deswegen nenne ich den Fixkostendegressionsabschlag die „Unnötige Geburt“. Denn das ist es, was sie unterstellt.

  2. Gröhes Pflegereform: Schon der Vorgänger von Jens Spahn wollte etwas Gutes tun und den Kliniken helfen die Pflegekräfte, die sie selbst zuvor wegrationalisiert hatten, wieder einzustellen. Also gab es einen Topf mit 600 Millionen Euro on top für neue Beschäftigungsverhältnisse. Auch jetzt wird von verschiedenen Parteien gefordert, ein solches Programm fortzuführen mit noch mehr Geld. Das Fallpauschalensystem beinhaltet alle Kosten, verteilt sie aber von der Vorhaltung weg auf aktive Leistungen, wie wir gesehen haben. Deswegen wird es keinen Tag ohne die Subvention gehen. Als Anschub jedenfalls wird sie nicht funktionieren. Die eröffnet den Kliniken sogar die Möglichkeit wieder zur rationalisieren, was mühsam und teuer aufgebaut wurde und so wieder einige Jahre mehr Millionengewinne zu scheffeln. Da das System keine Vorhaltung honoriert, ist jede Bemühung Vorhaltung ins System zu speisen, vergebens.

  3. Abwrackprämien für Betten und Abteilungen: Vor lauter Angst, man könnte das Ziel des Klink-, Stations- und Bettenabbaus verfehlen, wurden Prämien an die Kliniken für die Aufgabe gezahlt. So, und nun raten wir mal alle, was abgebaut wurde? Jedenfalls nicht die lukrativen Bereiche, da wurde aufgebaut. Oder ein bisschen Grundversorgung weniger, dafür ein paar der Betten auf die Kardiologie umwidmen. Auf dem Papier also ein Erfolg. Ob die Patienten, die jetzt auf den Fluren liegen in der Inneren, die Reform auch so gelungen finden, da darf man skeptisch sein.

 

Aber jetzt soll doch eine Pflegereform kommen. Sind wir gerettet?

Ich habe bereits beschrieben, warum eine Subvention der Pflege im oder neben dem Fallpauschalensystem sinnlos ist. Der Reformvorschlag sieht auch vor, dass die Pflege 2020 aus den Fallpauschalen ausgenommen werden. Dies ist ja auch ein Teil der Forderung dieser Petition. Das ist grundsätzlich die richtige Richtung. Nur ohne die Ärzte kann es nicht funktionieren.

Wir erinnern uns, es gibt zwei Möglichkeiten Erlöse zu maximieren: Kosten runter, Fälle rauf. Für das erstere müssen die Pflegekräfte und der medizinisch-technischen Dienst / Funktionsdienst herhalten, für das zweite sollen die Ärzte sorgen. In dem Moment wo die größte Gruppe zur Gewinnoptimierung aussteigt, muss noch härter an der kleineren gespart werden und die Fallzahlen müssen noch kräftiger steigen. Es wird nicht gelingen, die Anzahl der Pflegekräfte so schnell zu steigern, wie die Arbeitsbelastung steigen wird.

 

Über Untergrenzen sollte man niemals verhandeln.

Angesichts der katastrophalen Gesundheitspolitik, die uns seit vielen Jahren zugemutet wird, ist es wie Hohn, dass für die Pflegekräfte nun Untergrenzen verhandelt werden sollen. Die ersten miesen Vorschläge liegen bereits auf dem Tisch. Es ist scheinbar nicht verstanden worden, dass die Arbeitsbedingungen ausschlaggebend dafür sein werden, ob wir ausreichend Menschen begeistern können, in der Pflege zu arbeiten.

Es gibt Kliniken, die aufgrund ihres Standortes benachteiligt sind und es schwer haben werden, schnell genug Personal zu finden, auch wenn sie gerne wollen. Will man diese Kliniken bestrafen? Sie schließen und damit die Versorgung der Bevölkerung ganz einstellen?

Wir brauchen Obergrenzen, die den Kliniken zusichern, die gesamten Personalkosten zu übernehmen. Obergrenzen erlauben auch eine flexiblere Gestaltung, da der Pflegebedarf der Patienten schwankend ist. Die Kliniken brauchen keinen Zwang, sie brauchen einen Anreiz. Der Austritt aller Personalgruppen aus den Fallpauschalen gekoppelt mit einer vollen Kostenübernahme und Obergrenzen sind ein Anreiz Personal einzustellen für jeden Klinikbetreiber, der auskömmlich wirtschaften und eine gute Versorgung bieten will.